Blick auf die Tremiti-Inseln, Foto: Maria Kovalets/Unsplash

Tremiti-Inseln – das Archipel, das Italien fast vergessen hat

Die Fähre legt in Termoli ab, und für die erste halbe Stunde gibt es nichts als Wasser. Kein Land, keine Segel, nur die flache, milchig-blaue Weite der Adria, die hier draußen so gar nichts mit dem Badewannen-Image zu tun hat, das man ihr an den Stränden von Rimini angehängt hat. Dann, irgendwann, ein Schatten am Horizont. Er wird zu einer Silhouette, die Silhouette zu einer Festung: San Nicola, ein Kalkfelsen mit Mauern aus dem Mittelalter, die direkt aus dem Meer zu wachsen scheinen. Daneben duckt sich eine zweite Insel ins Wasser, dunkelgrün von Aleppokiefern. Man reibt sich die Augen. Das soll die Adria sein?

Die Tremiti-Inseln sind Italiens einziges Archipel in der Adria, und sie sind das, was Capri vor hundert Jahren gewesen sein muss: schroff, eigensinnig, von einer Handvoll Menschen bewohnt und von einer Geschichte durchtränkt, die vom homerischen Helden Diomedes über eine verbannte Kaiserenkelin bis zu Lucio Dalla reicht, der hier seine schönsten Lieder schrieb. Rund 460 Einwohner zählt die Gemeinde, verteilt auf gerade einmal drei Quadratkilometer. Zum Vergleich: Auf Capri leben knapp 13.000 Menschen – auf einem Drittel mehr Fläche.

Während Apulien sich gerade vom Geheimtipp zum Trendziel wandelt und die weißen Städte des Valle d’Itria in den Instagram-Feeds rauf- und runtergespielt werden, liegen die Tremiti 22 Kilometer vor der Gargano-Küste und warten. Nicht auf die Massen. Aber vielleicht auf Sie.

Ein Faustwurf des Diomedes – wie das Archipel entstand

Wer wissen will, warum diese Inseln so sind, wie sie sind, muss bei einer Legende anfangen. Der Sage nach war es Diomedes, Held des Trojanischen Krieges, der drei gewaltige Felsbrocken ins Meer schleuderte – sie wurden zu San Domino, San Nicola und Capraia. Als Diomedes starb, verwandelte Aphrodite seine trauernden Gefährten in Seevögel. Die Diomedeen, wie die Gelbschnabel-Sturmtaucher hier bis heute heißen, nisten noch immer in den Klippen des Archipels, und wer in einer Sommernacht ihre klagenden, fast menschlichen Rufe hört, versteht, warum die Alten darin weinende Krieger erkannten.

Die Geografie ist kaum weniger poetisch als der Mythos. Fünf Inseln bilden das Archipel: das grüne San Domino und das befestigte San Nicola, beide bewohnt, dazu die unbewohnte Capraia, der winzige Kalkklotz Cretaccio – und Pianosa, ein flacher Felsen weit draußen, der als integrales Naturreservat nicht einmal betreten werden darf. Seit 1989 ist das Meer rund um die Inseln Schutzgebiet, seit 1996 gehört das Archipel zum Nationalpark Gargano. Was bedeutet: kein Neubau-Wildwuchs, keine Hotelburgen, keine Strandclubs mit Bumm-Bumm-Musik. Die Tremiti sind konserviert, im besten Sinne.

Beste Reisezeit: Mai, Juni und September – warmes Wasser, klare Sicht, keine Tagesgast-Wellen wie im August.
Anreise: Ganzjährig per Fähre ab Termoli (Molise), im Sommer zusätzlich Schnellboote ab Vieste, Peschici und Rodi Garganico.
Tipp: Abends am Hafen von San Domino auf die Rufe der Diomedeen achten – sie sind das akustische Wahrzeichen der Inseln.

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San Domino – die grüne Insel, auf der man wohnt

San Domino - die grüne Insel der Tremiti-Inseln, Foto: Gianni Crestani/Pixabay
San Domino – die grüne Insel der Tremiti-Inseln, Foto: Gianni Crestani/Pixabay

San Domino ist die größte der Inseln und die einzige mit nennenswerter Infrastruktur: Hier liegen die Hotels, die Ferienwohnungen, die Restaurants, hier steigt man aus dem Boot und riecht als Erstes Pinienharz. Fast die gesamte Insel ist von Aleppokiefern bewachsen, die bis an die Klippenkante reichen – ein dunkelgrüner Pelz über hellem Kalkstein, und dazwischen immer wieder dieses Wasser, das eher nach Karibik als nach Adria aussieht.

Der einzige Sandstrand des ganzen Archipels ist die Cala delle Arene, gleich neben dem Anleger: klein, familientauglich, im Hochsommer entsprechend gut besucht. Die eigentliche Währung von San Domino sind aber die Felsbuchten. Cala Matana, Cala degli Inglesi, Cala dei Benedettini – erreichbar über Trampelpfade durch den Kiefernwald oder, eleganter, mit einem gemieteten Gommone, einem kleinen Schlauchboot, das man am Hafen stundenweise bekommt. Die Inselrunde dauert kaum eine Stunde, und sie führt an Grotten vorbei, in denen das Wasser in Farben leuchtet, für die die italienische Sprache eigene Wörter erfunden hat.

Autos spielen auf San Domino praktisch keine Rolle – die Insel ist in einer guten Stunde zu Fuß durchquert. Man geht, man schwimmt, man isst. Abends füllt sich die kleine Piazzetta im Inseldorf, es gibt gegrillten Fisch und kalten Weißwein aus dem Gargano, und gegen Mitternacht hört man wieder nur die Sturmtaucher und das Meer.

Beste Reisezeit: Juni und September zum Baden; Juli und August nur, wer Trubel mag.
Anreise: Alle Fähren und Schnellboote legen an San Domino an; nach San Nicola pendelt ein Shuttle-Boot in wenigen Minuten.
Tipp: Ein Gommone für den Vormittag mieten und die Buchten der Westküste ansteuern, bevor die Ausflugsboote kommen.

San Nicola – tausend Jahre Geschichte auf einem Felsen

San Nicola, Foto: Gianni Crestani/Pixabay
San Nicola, Foto: Gianni Crestani/Pixabay

Fünf Bootsminuten trennen San Domino von San Nicola, aber es fühlt sich an wie ein Jahrhundertsprung. San Nicola ist karg, kaum ein Baum, dafür Mauern: Der ganze Felsen ist eine einzige Festungsanlage, über eine gepflasterte Rampe steigt man vom Anleger hinauf in ein Dorf, das im Mittelalter stecken geblieben ist – im allerbesten Sinne.

Oben thront die Abtei Santa Maria a Mare, ein Hauptwerk der adriatischen Frühromanik. Der Legende nach erschien einem Eremiten im Traum die Jungfrau Maria und wies ihn an, hier eine Kirche zu bauen; als er zu graben begann, fand er einen Schatz – und ein Grab, das man für das des Diomedes hielt. Im 11. Jahrhundert übernahmen Benediktiner die Insel und machten aus dem Heiligtum eine Abtei, die zeitweise zu den mächtigsten der Adria gehörte. In der Kirche haben sich ein Mosaikfußboden aus der Gründungszeit und ein byzantinisches Kruzifix erhalten – Kunstschätze, mit denen man auf einem Drei-Quadratkilometer-Archipel schlicht nicht rechnet.

Die Geschichte der Insel hat allerdings auch ihre dunklen Kapitel, und sie ziehen sich erstaunlich konsequent durch zwei Jahrtausende: Schon Kaiser Augustus verbannte seine Enkelin Julia auf die Tremiti, wo sie zwei Jahrzehnte bis zu ihrem Tod ausharrte. 1783 löste Ferdinand IV. von Neapel die Abtei auf und machte aus dem Kloster eine Strafkolonie. Und der Faschismus nutzte die Inseln als Verbannungsort für politisch Missliebige – unter ihnen, ab 1938, Dutzende homosexuelle Männer, die Mussolinis Regime hierher deportierte. Ein Mahnmal auf San Domino erinnert heute an sie. Wer über die Festungsmauern von San Nicola aufs Meer schaut, begreift die doppelte Natur dieser Schönheit: Was heute nach Freiheit aussieht, war jahrhundertelang das perfekte Gefängnis.

Beste Reisezeit: Für Geschichte und Fotolicht sind Frühjahr und Herbst ideal – im Hochsommer brennt die Sonne auf den baumlosen Felsen.
Anreise: Shuttle-Boot ab San Domino, alternativ legen einige Schnellboote im Sommer direkt an San Nicola an.
Tipp: Den Aufstieg zur Abtei auf den späten Nachmittag legen, wenn die Tagesgäste abgereist sind und das Dorf wieder den Einheimischen gehört.

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Unter Wasser – ein Nationalpark zum Abtauchen

Was die Tremiti unter Tauchern längst zur festen Größe gemacht hat, ahnt man an der Oberfläche nur: Das Meeresschutzgebiet umfasst 1.466 Hektar Wasserfläche und rund 20 Kilometer Küstenlinie, bis hinunter zur 70-Meter-Tiefenlinie. Rund 40 Tauchplätze gibt es im Archipel – Steilwände, Untiefen, Wracks, Höhlen, vom Einsteigerspot bis zur anspruchsvollen Tiefe.

Zwei Namen sollte man kennen. Die Grotta del Bue Marino an der Küste von San Domino, benannt nach der Mönchsrobbe, die hier einst lebte, zieht sich 70 Meter tief in den Fels; das Licht, das durch den Eingang fällt, färbt das Wasser in einem Blau, das keine Postkarte je eingefangen hat. Und die Grotta delle Viole verdankt ihren Namen den rotvioletten Kalkalgen, die ihre Unterwasserwände überziehen – ein Farbenspiel, das man auch schnorchelnd erahnt. Wer keinen Tauchschein hat, muss nicht draußenbleiben: Die Sichtweiten gehören zu den besten der Adria, und schon mit Maske und Flossen schwimmt man hier durch Fischschwärme, die anderswo längst verschwunden sind.

Beste Reisezeit: Für Taucher Juni bis Oktober, dann ist das Wasser warm und die Sicht am klarsten.
Anreise: Tauchbasen gibt es auf San Domino, Ausfahrten starten direkt vom Hafen.
Tipp: Auch als Nicht-Taucher eine Grottenrundfahrt buchen – die Bootsführer kennen jede Höhle und erzählen die Geschichten gleich mit.

Lucio Dallas Inseln – warum die Tremiti Musik wurden

Es gibt ein Detail, das die Tremiti von allen anderen italienischen Trauminseln unterscheidet: Sie haben einen Soundtrack. Lucio Dalla, einer der größten Cantautori Italiens, besaß ein Haus über der Cala Matana auf San Domino und verbrachte hier jahrzehntelang seine Sommer. „Com’è profondo il mare“ – wie tief das Meer ist – entstand mit Blick auf dieses Wasser, und sein Album „Luna Matana“ von 2001 trägt den Namen der Bucht unter seinem Haus. Die Inselbewohner erzählen noch heute von den Nächten, in denen Dalla am Klavier saß und die Fenster offen standen.

Vielleicht ist das die genaueste Beschreibung der Tremiti: Inseln, die groß genug sind, um sich in ihnen zu verlieren, und klein genug, um ein Lied zu werden. Man kommt für zwei, drei Tage – länger braucht es objektiv nicht – und merkt am Abreisetag, dass man gern eine Woche geblieben wäre. Nicht wegen der Sehenswürdigkeiten. Wegen des Rhythmus.

Beste Reisezeit: Wer die Inseln wie Dalla erleben will, kommt im September, wenn die Sommergäste fort sind und das Licht weich wird.
Anreise: Cala Matana ist von der Inselmitte San Dominos in wenigen Gehminuten erreichbar.
Tipp: Vor der Reise „Luna Matana“ hören – und auf der Fähre noch einmal.

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Praktisch: Anreise, Kosten, Übernachten

So abgeschieden die Tremiti wirken, so unkompliziert ist die Anreise – wenn man sie plant. Das ganze Jahr über verkehrt die Fähre ab Termoli in Molise. Die Überfahrt dauert etwa eine Stunde und kostet um die 20 bis 25 Euro pro Strecke. Im Sommer kommen Schnellboote von der Gargano-Küste hinzu, ab Vieste, Peschici und Rodi Garganico, für etwa 25 bis 27 Euro. Und dann gibt es noch die spektakulärste Variante: den Linienhubschrauber der Alidaunia, der ganzjährig von Foggia zu den Inseln fliegt – rund 50 Euro kostet der Flug in der Hochsaison, außerhalb etwa die Hälfte. Zwanzig Minuten über dem Gargano und der offenen Adria, das ist mehr Erlebnis als Transfer.

Übernachtet wird fast ausschließlich auf San Domino, von der einfachen Pension bis zum Hotel im Kiefernwald; wer im Juli oder August kommen will, bucht Monate im Voraus, denn die Bettenzahl ist begrenzt – und genau das ist der Grund, warum die Inseln geblieben sind, was sie sind. Ein Tagesausflug ab Termoli oder Vieste ist machbar und beliebt, aber er ist auch ein wenig, als würde man ein Konzert nur bis zur Pause hören. Die Tremiti entfalten sich, wenn das letzte Ausflugsboot abgelegt hat.

Beste Reisezeit: Mai bis Anfang Juli und September; der August gehört den italienischen Familien.
Anreise: Ganzjährig Fähre ab Termoli (ca. 1 Stunde), im Sommer ab Vieste, Peschici und Rodi Garganico; Hubschrauber ab Foggia.
Tipp: Mindestens eine Nacht bleiben – die Inseln nach Abfahrt der Tagesgäste sind ein anderes Reiseziel.

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