Garfagnana, Foto: gavia26210/Pixabay

Garfagnana – Die Toskana, die niemand sucht

Es gibt einen Moment im Spätsommer, wenn der Stausee von Vagli seinen niedrigsten Pegel erreicht und sich unter der Wasseroberfläche etwas abzeichnet, das eigentlich nicht vorhanden sein dürfte: Dachfirste, eine Brücke, der Umriss eines Kirchturms. Viermal in siebzig Jahren – 1958, 1974, 1983, 1994 – hat der Energiekonzern Enel den Stausee zur Wartung abgelassen, und jedes Mal ist Fabbriche di Careggine aus der Tiefe zurückgekehrt, ein komplettes Dorf, 1946 für ein Wasserkraftwerk geflutet, seine Bewohner längst in die Täler umgesiedelt. Kein Fototermin, keine Reisewarnung, kein Instagram-Hashtag hat diesen Ort bekannt gemacht. Er liegt einfach da, unter Wasser, und wartet.

So ist die Garfagnana. Wer bei „Toskana“ an Zypressenalleen, Chianti-Weinberge und Busse voller Florenz-Touristen denkt, hat diese Ecke im äußersten Nordwesten der Region noch nicht gesehen. Hier, zwischen den messerscharfen Graten der Apuanischen Alpen und dem sanfteren Apennin, beginnt eine andere Toskana: schroff, kühl, von Kastanienwäldern und Bergbächen durchzogen, mit Dörfern, in denen der Käse noch nach Marktordnung des 15. Jahrhunderts verkauft wird. Es ist die Toskana vor der Erfindung des Toskana-Klischees.

Die Region ist benannt nach dem Fluss Serchio, der sie der Länge nach durchschneidet, und sie war über Jahrhunderte genau das, was ihr heute ihren Reiz verleiht: ein Transitraum, zu abgelegen für große Macht, zu wichtig für die Handelsrouten, um ignoriert zu werden. Diese Zwischenstellung hat eine Landschaft hinterlassen, die sich nicht für Postkarten inszeniert, sondern einfach existiert.

Die vergessene Toskana zwischen zwei Gebirgen

Geografisch ist die Garfagnana eine Anomalie innerhalb ihrer eigenen Region. Während der Süden der Toskana von sanften Hügeln, Zypressen und der weichen Kulisse des Val d’Orcia geprägt ist, liegt hier im Norden ein alpines Gebirge, das mit den Dolomiten mehr gemein hat als mit San Gimignano. Die Apuanischen Alpen, seit 1985 als Regionalpark geschützt, ragen mit zerklüfteten Kalksteingipfeln auf über 1900 Meter auf – ihr weißer Marmor, aus dem Michelangelo seine Skulpturen schlug, stammt aus den Brüchen von Carrara nur wenige Kilometer weiter westlich, doch hier auf der Garfagnana-Seite der Berge fehlt jede Marmorindustrie-Kulisse. Stattdessen: dichte Kastanien- und Buchenwälder, tiefe Schluchten, tosende Wildbäche.

Diese geografische Abgeschiedenheit erklärt, warum die Garfagnana touristisch bis heute ein Nebenschauplatz geblieben ist, obwohl sie von Lucca aus in gut einer Stunde erreichbar ist. Die Region lebte lange von Wanderarbeit, Kastanienmehl und Schmuggel über die Bergpässe – eine Armut, die paradoxerweise dafür sorgte, dass die Dörfer nie überbaut, nie für den Massentourismus zurechtgestutzt wurden. Was andernorts in der Toskana als „authentisch“ vermarktet wird, ist hier schlicht das, was übrigblieb, als niemand hinschaute.

Beste Reisezeit: Spätfrühling (Mai/Juni) für satte Grüntöne und blühende Bergwiesen, Spätsommer bis Oktober für die Kastanienernte und das Farbenspiel der Wälder.
Anreise: Zug nach Lucca (ab Florenz oder Pisa, ca. 1,5 Std.), von dort mit der Panoramabahn Lucca–Aulla ins Serchio-Tal oder per Mietwagen über die SS445.
Tipp: Die Bahnstrecke Lucca–Aulla gilt unter Kennern als eine der schönsten Panoramastrecken der Toskana – und kostet einen Bruchteil einer organisierten Bergtour.


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Ludovico Ariosto und die Herrschaft der Este

Das Herz der Garfagnana ist Castelnuovo di Garfagnana, dessen Name auf ein Dokument aus dem 8. Jahrhundert zurückgeht, in dem der Ort noch „Castro Novo“ heißt – die neue Festung. Vom 13. Jahrhundert an entwickelte sich die Stadt dank ihrer Lage an wichtigen Flusshandelsrouten zu einem Marktflecken, doch die eigentliche historische Pointe kommt später: Anfang des 15. Jahrhunderts lehnten sich die Bewohner gegen die Herrschaft Luccas auf und stellten sich 1430 unter den Schutz der Este-Familie aus Ferrara. Unter deren Kontrolle wurde Castelnuovo zum ersten Sitz einer Vikariatsregierung – ein Aufstieg vom Provinznest zum Verwaltungszentrum.

Am eindrücklichsten wird diese Episode durch einen einzigen Namen greifbar: Ludovico Ariosto, der Dichter des „Orlando Furioso“, residierte von 1522 bis 1525 hier als Statthalter der Este in der Garfagnana. Man kann sich das kaum vorstellen – einer der großen Epiker der italienischen Renaissance, verbannt in eine Bergprovinz, zuständig für Räuberbanden und Steuerstreitigkeiten statt für Verse. Seine Festung, die Rocca Ariostesca, steht noch heute im Zentrum der Stadt und beherbergt inzwischen ein Museum, das genau diese Doppelrolle zwischen Dichtung und Verwaltung dokumentiert.

Der Donnerstagsmarkt in Castelnuovo, bis heute Institution, zeigt, was die Region tatsächlich hervorbringt: Kastanienhonig, Pecorino mit Trüffelaroma, handwerkliche Wurstwaren. Wer im September kommt, erlebt die traditionelle Handelsmesse, die acht Tage lang genau jene Rolle als Warenumschlagplatz nachstellt, die Castelnuovo einst über Jahrhunderte wahrlich innehatte.

Beste Reisezeit: donnerstags für den Wochenmarkt; September für die traditionelle Handelsmesse (Fiera).
Anreise: Mit dem Bus von Lucca (ca. 1 Std.) oder Auto über die SS 445, direkt im Zentrum des Serchio-Tals gelegen.
Tipp: Die Rocca Ariostesca ist keine touristische Pflichtstation, sondern ein echtes Lokalmuseum – oft hat man die Ausstellungsräume für sich allein.

Wandern in den Apuanischen Alpen

Für Wanderer ist die Garfagnana ein Geheimtipp im eigentlichen Wortsinn: gut erschlossen, aber kaum überlaufen. Der Regionalpark der Apuanischen Alpen verfügt über ein dichtes Netz markierter Routen, doch viele der anspruchsvolleren Pfade – etwa zur Pania della Croce, dem mit gut 1858 Metern markantesten Gipfel der Kette – verlangen Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und alpine Erfahrung. Das ist kein Toskana-Spaziergang zwischen Weinstöcken, sondern echtes Bergwandern mit Fels, Geröll und teils ausgesetzten Passagen.

Wer es unterirdisch mag, findet in der Grotta del Vento bei Fornovolasco eines der eindrücklichsten Schauhöhlensysteme Italiens. Der Name – „Windhöhle“ – kommt von den spürbaren Luftströmungen im Inneren, verursacht durch Temperaturunterschiede zwischen den verschiedenen Höhlenabschnitten. Die Grotte ist ganzjährig geöffnet (1. April bis 1. November sowie über die Weihnachtsferien), mit gestaffelten Führungen zu unterschiedlichen Tiefen und Schwierigkeitsgraden – von der einstündigen Basistour bis zur mehrstündigen Expedition für Geübte.

Landschaftlich beeindruckend, aber touristisch fast unbeschrieben ist zudem Barga, oft als eines der schönsten Dörfer Italiens gehandelt und doch nur eine Fußnote in den meisten Toskana-Reiseführern. Von seiner Terrasse vor dem romanischen Dom blickt man bei klarer Sicht direkt auf die schneebedeckten Gipfel der Apuanischen Alpen – ein Panorama, für das andernorts in der Toskana Eintritt verlangt würde.

Beste Reisezeit: März bis Oktober für Wanderungen, Spätherbst für die Kastanienwälder in voller Farbenpracht.
Anreise: Von Lucca ca. 50 km/1 bis 1,5 Std. mit dem Auto über die A11 Richtung Lucca-Ausfahrt, dann beschilderter Route Richtung Garfagnana folgen; Fornovolasco und Barga sind zusätzlich per Bus erreichbar.
Tipp: Die anspruchsvolleren Routen zur Pania della Croce nur mit lokalem Kartenmaterial oder Bergführer angehen – die Beschilderung ist stellenweise dünn.

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Das Dorf, das im See verschwand

Zwei Orte in der Garfagnana erzählen dieselbe Geschichte aus unterschiedlichen Jahrzehnten: den Konflikt zwischen Energiegewinnung und Siedlungsgeschichte. Isola Santa, in der Gemeinde Careggine gelegen, wurde auf den Fundamenten eines mittelalterlichen Hospitals errichtet – einer Herberge für Pilger und Reisende, die den beschwerlichen Passweg zwischen der Versilia-Küste und der Garfagnana über die Apuanischen Alpen zurücklegten. In den 1950er-Jahren besiegelte der Bau eines Staudamms durch das Unternehmen Selt-Valdarno das Schicksal des ursprünglichen Dorfkerns: Brücke und Mühle versanken im neu entstandenen Stausee, während die verbliebenen Steinhäuser bis heute pittoresk am Ufer stehen – ein Dorf, das nur zur Hälfte gerettet wurde.

Wenige Kilometer weiter liegt die dramatischere Version derselben Geschichte: Fabbriche di Careggine, 1946 vollständig für den Lago di Vagli geflutet, komplett unter Wasser verschwunden statt nur teilweise. Wenn Enel den See zur Wartung ablässt, taucht das gesamte Dorf wieder auf – Steinhäuser, Friedhof, Brücke, die Kirche San Teodoro – ein Geisterdorf, das seit 1994 nicht mehr zu sehen war und dessen nächstes Auftauchen niemand mit Sicherheit vorhersagen kann. Gerüchte über eine geplante Ablassung kursieren regelmäßig in der Region, offizielle Termine gibt es jedoch nicht.

Auch ohne abgelassenen See lohnt der Besuch: Der Lago di Vagli mit seinem smaragdgrünen Wasser, eingerahmt von den Gipfeln der Apuanischen Alpen, gehört zu den fotogensten, aber am wenigsten besuchten Plätzen der gesamten Toskana.

Beste Reisezeit: Ganzjährig für den See selbst; für Informationen zu möglichen Ablassungen lokale Tourismusbüros kontaktieren.
Anreise: Von Castelnuovo di Garfagnana ca. 20 Minuten mit dem Auto Richtung Vagli di Sotto.
Tipp: Isola Santa liegt direkt an der Straße zwischen Castelnuovo und der Versilia-Küste – ideal als Zwischenstopp bei einem Ausflug ans Meer.

Kastanien, Farro und Pecorino

Die Küche der Garfagnana ist eine Küche der Berge, nicht des Meeres, auch wenn die Toskana sonst für Fisch und Olivenöl bekannt ist. Zentrales Element ist die Kastanie: Das „Farina di Neccio della Garfagnana“ trägt das EU-Gütesiegel g.U. (geschützte Ursprungsbezeichnung) und bildet die Grundlage für Necci – dünne, im traditionellen Eisen gebackene Kastanienpfannkuchen, die es je nach Dorf mit Ricotta, Wurst oder schlicht pur gibt. Daneben ist Farro della Garfagnana, ein alter Dinkel-Emmer-Weizen, ebenfalls g.U.-geschützt und Hauptzutat der Zuppa di Farro, einer dichten Suppe, die in praktisch jeder Trattoria der Region auf der Karte steht.

Der lokale Pecorino, oft mit Trüffel oder Kastanienblättern veredelt, und der Biroldo, eine dunkle Blutwurst mit Gewürzen, runden ein kulinarisches Profil ab, das mit dem mediterranen Toskana-Klischee wenig gemein hat. Das erklärt sich auch klimatisch: In den höheren Lagen der Garfagnana fällt regelmäßig Schnee, die Winter sind hart, und die Küche der Region ist über Jahrhunderte auf Vorratshaltung und Kalorien für die Feldarbeit in den Bergen ausgelegt worden – nicht auf mediterrane Leichtigkeit.

Beste Reisezeit: Herbst für Kastanienfeste (Sagre del Marrone) in nahezu jedem Dorf der Region, meist im Oktober.
Anreise: Trattorien mit traditioneller Küche finden sich in praktisch jedem größeren Ort entlang des Serchio-Tals, besonders konzentriert in Castelnuovo und Barga.
Tipp: Nach Necci und Farro-Suppe fragen, nicht nach Standard-Toskana-Gerichten wie Bistecca – die Garfagnana hat ihre eigene, unabhängige Speisekarte.

Wer die Garfagnana verlässt, nimmt kein Bild mit, das sich zu einem Toskana-Kalender fügt. Kein goldenes Licht über Weinbergreihen, keine Zypressenallee im Sonnenuntergang. Stattdessen bleiben der Geruch von nassem Kastanienlaub, das Echo eines Wasserfalls in einer Höhle, die Vorstellung eines Kirchturms unter einem See. Es ist eine Toskana, die sich nicht verkauft, sondern einfach da ist – und genau deshalb einen Umweg wert.

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